Geschichte

Ein spätberufener Pferdenarr

Ausschlaggebend, dass Reto Dürst überhaupt etwas mit Pferden zu tun hat, war seine Tochter. Denn diese war die erste in der Familie, die vom Pferdevirus infiziert wurde. «Wie das halt so ist bei Mädchen», hält Dürst in seiner trockenen Art fest.

Wie es dazu kam

RENÉ MEHRMANN Er, der Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts vor allem als HCD-Spieler mit Eishockey in Verbindung gebracht wurde, kam erst als Spätberufener zu den Pferden. Als seine Tochter nämlich ein eigenes Pferd hatte, war es Dürst, der tatkräftig bei den anfallenden Arbeiten im Stall mithalf – und so auf den Geschmack kam.

2011 entdeckte er dann die Säumerei und machte seine ersten Touren. Die Sbrinzroute zum Beispiel, die auf historischen Säumer-pfaden von Stans nach Domodossola führt oder die Via Valtellina von Tirano bis ins vorarlbergische Schruns. Mit der Zeit fing Dürst an, selber Säumertreks zu organisieren. Inzwischen gehört er zu den erfahrensten Säumern in der Region.

«Uns zieht es immer wieder ins Gebirge»

Heute lebt Dürst mit seiner Frau in Deutschland und betreibt dort einen Pferdehof mit mehr als zehn Pferden im bayerischen Wald. «Hier bieten wir ebenfalls Säumertouren an, aber im bayerischen Wald erinnert die hügelige Landschaft ein wenig an den Jura und deshalb zieht es uns mit den Pferden immer wieder ins Gebirge», erzählt Dürst.

Eine Säumerroute in den Bergen geniessen kann Dürst auf jeden Fall in diesem Sommer. Im Rahmen des Fests der Sinne von graubündenVIVA führt er im Juli eine Säumergruppe von Disentis nach Brig und von dort nach Vevey an die Fête des Vignerons, wo am 23. Juli der Bündner Kantonstag stattfindet.

Ein eingespieltes Team

Die Vorbereitungen für den Trek, der vom 16. bis 23. Juli stattfinden wird, laufen bereits auf Hochtouren. Im Mittelpunkt stünden dabei die Tiere, sagt Dürst. «Die Übernachtungen auf der Strecke müssen organisiert werden und wir müssen wissen, wo die Pferde untergebracht werden können.» Die Tiere müssten zwar nicht in einem Stall sein, so Dürst, aber auch Futter und eine Weide müssten vorab organisiert werden. Im Gegensatz zu anderen Touren erhält Dürst deshalb für die Organisation dieses Projekts Unterstützung durch Marion Sinniger und Aaron Heinz-mann von graubündenVIVA.

Die Gruppe von Säumern mit ihren zwölf Pferden, die Dürst auf dem Trek von Disentis nach Brig leitet, sind ein eingespieltes Team. Mit dieser Säumergruppe sei er regelmässig unterwegs. «Das ist ein Vorteil, weil sich die Tiere schon kennen», sagt Dürst. Man laufe dann auch jeden Tag in der gleichen Reihenfolge, was eine gewisse Ruhe in den Trek bringe. Schliesslich sei man mit verschiedensten Pferden und Maultieren unterwegs, so Dürst weiter. Und weil sich die Tiere kennen, seien auch keine Kämpfe um die Rangordnung untereinander zu erwarten. In einer frisch zusammengestellten Gruppe sei das jeweils vor dem Start schwer abschätzbar.

Unbekanntes Terrain

Die Strecke von Disentis nach Brig ist für die Säumer unbekanntes Terrain. Deshalb wird sich die Gruppe in den Wochen vor dem Trek aufteilen und die gesamte Strecke vorab erkunden. «Natürlich kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren, wie ein Erdrutsch oder eine Tanne, die plötzlich einen Weg versperrt, aber wir müssen wissen, ob die Strecke grundsätzlich für die Pferde passierbar ist», sagt Dürst. Nur schon eine Hängebrücke würde eine unüberwindbare Barriere für die Pferde bedeuten. Er möchte mit der Rekognoszierung des Weges auch sicherstellen, dass man nicht plötzlich kurz vor einem Etappenziel umkehren und einen neuen Weg suchen müsse, weil die Pferde nicht durchkommen würden.

Auch wer sich vorstellt, dass die Säumer bequem auf ihren Pferden durch die Gegend reiten, mache sich eine falsche Vorstellung. Die Säumer gehen neben oder vor ihren Tieren her. Genau darin sieht Dürst den Reiz der Säumerei. «Wenn man auf dem Tier sitzt, sieht dieses dich nicht, wenn man mit ihm läuft, hat man Augenkontakt und Säumer und Pferd werden zu einer Einheit.» Eine andere Qualität habe auch das Laufen mit einem Pferd, schwärmt Dürst. Das sei etwas ganz anderes, als wenn man wandern gehe.

Wurde früher – zur Hochzeit der Säumerei – möglichst viel Gepäck auf den Rücken der Pferde geschnallt, schaue man heute darauf, die Pferde nicht zu überlasten. Dürst schätzt das Gewicht, das die Pferde tragen, auf 50 bis 70 Kilo. Dazu gehören die persönliche Ausrüstung der Säumer wie Kleider, Regen-schutz und Apotheke sowie Material für die Pferde wie Decken, Sattel, Hufschuhe etc. Das genüge für die einwöchige Reise wie vor 400 Jahren.