Geschichte

Marcel Heinrichs Leben dreht sich um bunte Knollen

Bergkartoffeln aus dem Albulatal. 42 Sorten, blaue, violette, rote, weisse, gelbe, schwarz, braune, längliche, runde, ovale, hörnchenförmige, kleine, grosse. Der Geschmack: So verschieden wie die 42 Sorten. Marcel und Sabina Heinrich vom Hof Las Sorts in Filisur haben den bunten Knollen ihre Liebe und Leidenschaft geschenkt, auch wenn diese sie immer wieder vor neue Herausforderungen stellen.

Auf dem Hof Las Sorts – der Name bedeutet «Los», «Schicksal», «Sorten» – leben Pfau, Hühner, Hofhund, Kühe und Kälber und Lamas. Doch die Bergkartoffeln sind die erklärten Schützlinge der Heinrichs. «Mein Leben dreht sich um die Kartoffel. Sie beschäftigt mich jeden Tag, fast jede Stunde», gibt Marcel Heinrich zu. Seit er den elterlichen Hof 2001 übernommen hat, gab es viele Veränderungen. Der wichtigste Entscheid war der Anbau alter Bergkartoffel-Sorten. «Doch der ist schwierig. Ich habe immer wieder Fehler gemacht, daraus gelernt und wieder neue Fehler gemacht. Ich bin oft hingefallen, aber immer wieder aufgestanden. Denn meine Kartoffeln sind es mir wert.»

«Geht es meinen Kartoffeln gut, dann geht es mir auch gut»

Praktisch jeden Tag wandert Marcel zu seinen Äckern, um nach seinen «Härdöpfeln» zu schauen. Sein ganzes Denken und Kümmern gilt seinen Knollen. Er bangt um sie, er kämpft um sie, sorgt sich um sie. «Geht es meinen Kartoffeln gut, dann geht es mir auch gut». Der sensible (lieber nur Biobauer) mit den hellblauen braunen Augen ist gspürig. Schnell merkt er, ob sie gestresst sind, ob ihnen etwas fehlt, oder ob es ihnen rundum gut geht. «Pflanzen reagieren genau gleich wie Menschen. Stimmt etwas nicht, werden sie krank, fühlen sie sich wohl, lohnen sie es mit gesundem, geschmacksintensivem Fleisch». Nach den Kartoffeln von Biobauer Marcel Heinrich sind die Kunden zwar alle verrückt, indes ist der Einsatz für die Albulataler Bergkartoffeln immens. Denn der Anbau dieser alten und raren Patati-Sorten hat seine Tücken. Falsch wer da denkt, die bunten Knollen werden einmal in die Erde gesteckt, sich selbst überlassen und dann, wenn sie reif sind, geerntet. «Der Anbau von Bergkartoffeln ist ganz klar die Königsdisziplin im Ackerbau. Im biologischen Ackerbau hat man nur wenige Möglichkeiten etwas zu unternehmen wenn Krankheiten auftreten. Wir müssen alles machen damit die Pflanzen erst gar nicht krank werden.

«Die ersten sieben Jahre waren sehr hart», erzählt der engagierte Biobauer. Aber noch heute, nach 15 Jahren Erfahrung mit den empfindlichen Gewächsen, tauchen immer wieder neue Herausforderungen auf. Mal regnet es zu lange, mal ist es zu heiss, mal zu kalt, mal laben sich die Drahtwürmer an den feinen Kartoffeln. «Die Knollen sind wie Mimosen. Man muss sich beständig um sie kümmern. Es fasziniert mich, wenn ich das Saatgut in die Erde stecke und zuschauen darf, wie daraus etwas wächst. Ich lerne ständig Neues und habe doch nicht immer alles im Griff. Das Lernen hört nie auf und macht mein Leben mit meinen Kartoffeln spannend».

Ein Kompetenzzentrum und ein Kartoffel-Taxi

Viele Projekte haben sich in den letzten Jahren rund um die Knollen entwickelt. Entstanden ist etwa ein Kompetenzzentrum für die Berg-Kartoffel im Hotel Jakob in Rapperswil. Hier eignen sich unter anderem Gastronomen, Köche und Interessierte das Wissen rund um die Produkte an. Es geht um die ganzheitliche Gestaltung der gesamten Wertschöpfungskette eines Naturproduktes, von der Saat bis zum Genuss auf dem Teller .Im angegliederten Kartoffelladen gibt’s die Albulataler Patati zum Kaufen. Im Zusammenhang mit den Bergkartoffeln wurde das Kartoffeltaxi ins Leben gerufen. Freiwillige Pendler bringen bestellte Albulataler Härdöpfel von Schindelleggi direkt zu den Kunden in Zürich. Kaufen kann man die bunten Knollen ebenfalls in vielen Läden, darunter in Zürich, Basel und Bern. Viele Kunden kommen direkt auf den Hof Las Sorts. Auch erzählt Marcel Heinrich in Restaurants seine Kartoffelgeschichten. Immer mehr Spitzenköche verarbeiten die Albulataler Bergkartoffeln. «Ihnen ist, wie uns selbst, die Wertigkeit von Produkten ganz wichtig. Wenn immer mehr Menschen diesen Weg gehen, gibt es mit der Zeit vielleicht eine grosse Bewegung», hofft Marcel Heinrich. «Natürlich können wir niemanden zwingen, unsere Produkte zu essen. Aber wir können die Menschen von der Albulataler Bergkartoffel überzeugen». So zeigen Marcel seine Frau und ihr Geschäftspartner Freddy Christandl – Koch (16 Punkte) im Restaurant Chrueg in Wollerau, arbeitet jetzt aber als Genusstrainer und gibt Kochkurse – jeden Tag, dass es möglich ist, andere Wege als die Industrie zu gehen. Nachhaltige eben und erst noch erfolgreiche.