Geschichte

Mascarpin: Formaggini di Capra von Vreni aus Isola

Isola: Ein paar Häuser, ein paar Ställe, Vreni, Töchter, Enkelkinder, Esel, Pferde und 100 Ziegen. Im kleinen Weiler von Maloja, auf der Seite des Silsersees, wo nur ein schmaler bewilligungspflichtiger Fahrweg hinführt, leben alle im Einklang mit Tier und Natur. «Für unsere Ziegen tun wir alles», sagt Vreni, die Ziegenbäuerin. «Unsere Tiere sollen so leben dürfen, wie es ihnen entspricht: Wild, frei und doch von uns umsorgt».

Das Gemecker ihrer Bündner Strahlengeissen tönt für Vreni wie Musik in den Ohren. Wenn gegen Abend das Glockengebimmel die Heimkehr der Geissen ankündigt, leuchten ihre Augen, der Mund lächelt breit, schneeweisse Zähne blitzen. Die Ziegenbäuerin geht ihnen ein Stück weit entgegen. Bald hüpfen die cremefarbenen, schwarzen und gescheckten Ziegen samt Geissbock übermütig über den Bergpfad. Fröhlich meckernd drängen sie ins Gehege. Sie lassen sich gerne von ihr und ihrem Schwiegersohn Diego melken. «Aber eigentlich macht hier nun der Diego vor allem die Melkarbeit und ich gehe vermehrt mit den Gästen und den Eseln oder den Pferden auf Tagestouren», stellt Vreni klar.

Der Mascarpin entsteht

Die Milchkannen stehen längst schon bereit. Wenig später brennt das Feuer unter dem Käsekessel. Aus der Geissenmilch, die fast bis zum Siedepunkt erhitzt wird, entsteht feinster Mascarpin, dieser spezielle Bergeller Vollmilchziger, der ganz frisch genauso gut schmeckt wie noch nach Monaten. «Nein», lacht Vreni, «unser Geisskäse böckelt nicht. Der Geschmack ist aber wohl auch eine Frage der Tierhaltung und unsere Art zu käsen».

Werte leben, den Tieren Sorge tragen

Die Ziegen fressen nichts anderes als das kräftige Berggras, das hier wächst. Der Nachwuchs, also die «Gitzis», der darf lange die Milch der Geissenmütter trinken. In dieser Zeit schrumpft dann die Produktion des feinen Formaggini di Capra etwas. Kraftfutter und andere Zusätze verfüttert Vreni ohnehin nicht. «Für uns steht nicht die Maximierung der Milchleistung und der Betriebsgrösse im Vordergrund. Uns ist die Lebensqualität unserer Tiere am wichtigsten. Das ist unser Massstab. Mein Grossvater hat dies schon so gehalten und er hat uns Respekt, Ehrfurcht und Dankbarkeit gegenüber den Tieren gelernt. Wir leben diese Werte auch. Darum würden wir unsere Geissen niemals enthornen. Manche sind zwar hornlos, sie sind aber so auf die Welt gekommen». Die zahlreichen Kunden, die den täglich frisch zubereiteten Mascarpin entweder direkt in Isola oder in vielen Geschäften der Region kaufen können, wissen das zu schätzen. Vom zart nach Bergkräutern duftenden Geisskäse gibt’s aber immer nur gerade so viel, so lange es eben hat… In Isola leben jeweils rund 100 Milchgeissen, manchmal wie gerade jetzt, aber nur 60. Denn aus einigen der gepachteten Ställe sind Ferienwohnungen entstanden. Die Familie möchte darum einen Stall bauen. Doch Einsprachen verhindern bislang den Bau. «Aber wir kämpfen weiter. Unsere Geissen brauchen auch ein Dach über dem Kopf».

Tierliebend und sportlich unterwegs

Vreni ist mit ihrer Familie 1990 nach Isola Maloja gekommen. Der kleine Weiler ist im Winter nur mit den Langlaufski oder den Schneeschuhen erreichbar. «Kein Problem für uns», lacht sie. Wir sind in gut 20 Minuten in Maloja». Was Wunder. Vreni ist nicht nur ausgebildete Landwirtin EFZ, sondern ebenso dipl. Pflegefachfrau HF und Schneesportlehrerin. Auch ihre Tochter Bettina, die mit ihrer Familie auf dem Ziegenhof mitarbeitet, ist Landwirtin und Schneesportlehrerin. Irene, die jüngere Tochter, hat als Profi-Biathletin Olympia- und WM-Erfahrungen. Ihre nächsten Ziele: Olympische Winterspiele 2018 und 2022. Zu Vrenis grosser Familie gehören ausser ihren Geissen noch Esel, Pferde, Katzen und Hunde. Es ist eine friedliche kleine Welt in Isola, eine, für die es sich lohnt, Einschränkungen auf sich zu nehmen. Zudem hängt die Existenz der Familie an den Geissen. «Weil uns das Wohl unserer Tiere über alles geht, mögen uns manche Leute vorwerfen, wir würden träumen. Vielleicht stimmt das sogar. Aber es funktioniert: Unsere Tiere sind glücklich und wir sind von unserem Weg überzeugt».